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Forschungsgrundlagen zur Philosophiegeschichte: Wilhelm Windelband

Wilhelm Windelband

Das Forschungsvorhaben (von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unter dem Geschäftszeichen HA 2643/14-1 geführt und von 2015 bis 2019 gefördert) handelt es sich um die Bereitstellung von Grundlagenforschung für die zukünftige Forschung zur Philosophiegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Im Abgleich makro- und mikroskopischer Forschungsansätze zeigt sich, dass es neben der Forschung zu einigen „Leuchttürmen“, bspw. des Deutschen Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel), einiger erst im nachfolgenden Jahrhundert wirkmächtiger Philosophen (Marx, Nietzsche) und verschiedener Strömungen und Schulbildungen (Materialismus, Positivismus, Neukantianismus) kaum Grundlagenforschung zur Herausbildung der Philosophie als Fachwissenschaft (Lehrbücher, Fachzeitschriften), zur Professionalisierung des Philosophieunterrichts (Universitäten, Höhere Schulen) und zur Editionstätigkeit (Entstehen kritischer Textausgaben, „Klassiker“-Ausgaben) gibt. Um auf dieses Desiderat eine Antwort zu geben und die bestehenden Lücken zu schließen, haben wir an einem exemplarischen Fall das Programm der Grundlagenforschung durchgeführt.

Wilhelm Windelband kann als herausragendes Beispiel eines sein Fach prägenden und wissenschaftspolitisch maßgebenden Hochschulprofessors im wilhelminischen Deutschland angesehen werden. Windelband ist nicht nur einer der bedeutendsten deutschen Philosophiehistoriker des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, dessen Lehrbücher und Gesamtdarstellungen der neueren Philosophiegeschichte mehrere Auflagen erlebt haben und in verschiedene Sprachen übersetzt wurden: An Universitäten in Nord- und Südamerika, auch in Korea und Japan gilt Windelbands Lehrbuch der Geschichte der Philosophie auch heute noch als Grundlagentext des Philosophiestudiums. Da in Deutschland zwischenzeitlich das Interesse an der Philosophiegeschichtsschreibung abgenommen hat, gibt es tatsächlich bis heute kein neues „Lehrbuch“, das die Lektüre von Windelbands Werk adäquat ersetzen könnte.

Am Werk und Wirken Windelbands können exemplarisch die inneren wie äußeren Umstände der akademischen Philosophie um 1900 abgelesen werden. Windelband verkörpert wie kaum ein zweiter das gesamte neue Aufgabenspektrum eines akademischen Lehrers dieser Zeit mit sämtlichen neuen (heute ganz üblichen), zunächst ganz philosophiefremden Leitungs- und Verwaltungsfunktionen der Wissenschaftsorganisation. Windelband befördert die Institutionalisierung der Philosophie und ihre Herausbildung als Fachwissenschaft, indem er

  • philosophiehistorische Forschungen betreibt,
  • zum Verhältnis von Philosophie und Wissenschaften und zu methodologischen Fragen der Philosophie und Philosophiegeschichtsschreibung forscht,
  • Überblickswerke zur Philosophiegeschichte und Lehrbücher der Philosophie schreibt,
  • seine persönliche Stellung (und damit zugleich diejenige seine Faches) innerhalb der
 Institutionen stärkt: als dreimaliger Rektor der Universitäten Straßburg und Heidelberg und
Mitglied zahlreicher nationaler und internationaler wissenschaftlicher Gesellschaften,
  • neue Institutionen begründet: als Mitbegründer der Akademie der Wissenschaften Heidelberg, durch die Einrichtung des Philosophischen Seminars an der Universität Heidelberg, die Schaffung der Institution „Philosophische Assistenz“ als Teil der
 Institutionalisierung der philosophischen Fachlichkeit, als ein gefragter Redner und Organisator tätig ist: Beteiligung am 2. und Präsidentschaft des 3. Internationalen Kongresses für Philosophie (dieser 1908 in Heidelberg),
  • Fachzeitschriften mitbegründet oder ihre Gründung unterstützte: vor allem die „Kant- Studien“ (seit 1897) und „Logos. Internationale Zeitschrift für Philosophie der Kultur“ (seit 1910),
  • als Erzieher wirkt: Windelband gilt als „Schulhaupt“ des sog. Südwestdeutschen Neukantianismus; seine Hauptschriften erreichten hohe Auflagen und wurden z.T. mehrfach in verschiedenen Sprachen übersetzt – bspw. verbreitete eine starke Fraktion russischer Schüler seine Werke durch Übersetzungen in Russland.