Auftaktworkshop: Das Klima der Philosophie am 30.06.2023 in Gotha
Auftaktworkshop: Das Klima der Philosophie am 30.06.2023 in Gotha
Projektleitung: Dr. Melanie Sehgal
Ist es möglich, die Geschichte der Philosophie anhand ihrer Praktiken zu erzählen, d.h. eine Geschichte der Philosophie zu schreiben, deren Akteure nicht die großen Ideen, Begriffe, Männer, die bedeutenden Werke oder Strömungen sind, sondern in deren Zentrum die Praxisformen stehen, innerhalb derer sich diese vollziehen? Welche systematischen Fragen und Probleme werden mit einer solchen praxeologischen Perspektive auf die Geschichte der Philosophie aufgerufen und was sind zu unterschiedlichen Zeiten überhaupt die zentralen Praktiken, Techniken und Dispositive der Philosophie? An welche anderen Praktiken – wissenschaftlicher, alltäglicher oder spiritueller Provenienz – sind diese angelehnt, von welchen grenzen sie sich ab? Die Vortragsreihe geht diesen Fragen in den folgenden Semestern mit Gästen aus der Philosophie, Wissenschaftsgeschichte und angrenzenden Disziplinen nach und versucht sich so an einer historischen Typologie philosophischer Praktiken.
Michel de Montaigne (1533-1592) gilt wegen seiner Essays als Klassiker der Philosophiegeschichte. Mit ihnen wird nicht nur eine neuartige literarische Textform entwickelt, sondern auch ein neuartiger Ton in der Philosophie angeschlagen. Das essayistische Schreiben versteht sich als eine philosophische Praxis der Selbsterkenntnis, die allerdings die tradierte sokratische Doktrin - auch gegen den Kanon - nachhaltig verändert. Es ist insbesondere die Aneignung der skeptischen Denkweise, die Montaigne ein "Philosophisch-Werden" ermöglicht, indem er sich innerhalb der Skepsis (im Sinne der essayistischen Suchbewegung) und inmitten der Ungewissheiten des Lebens - wenn auch, zugegeben, auf Schloss Montaigne - einzurichten versucht.
Marc Rölli ist Professor für Philosophie und z. Zt. Prorektor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig. Zuletzt von ihm erschienen sind folgende Publikationen: Anthropologie dekolonisieren, Frankfurt a.M. 2021; Macht der Wiederholung, Wien 2019; Immanent denken, Wien 2018; Gilles Deleuze’s Transcendental Empiricism, Edinburgh 22018 sowie Vierzig Jahre Überwachen und Strafen, Bielefeld 2017 (gemeinsam herausgegeben mit Roberto Nigro).
Die europäische Philosophie hat eine besondere Vorliebe und Expertise für bestimmte Praxisformen entwickelt, wie Rechtfertigen, Begründen, Begriffe-Klären. Katrin Wille votiert in diesem Vortrag dafür, die Fokussierung auf diese Praxisformen kritisch zu reflektieren und durch andere Praxisformen wie wirkliches Zweifeln (im Unterschied zum methodischen Zweifeln bei Descartes), Irritiert-Werden durch die Auflösung von Selbstverständlichkeiten und Verunsicherung angesichts der Unlösbarkeit bestimmter theoretischer Probleme zu erweitern.
Katrin Wille ist am Institut für Philosophie, Universität Hildesheim tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der kritischen Auseinandersetzung mit den Praktiken des Unterscheidens, Negierens und Kritisierens in der Philosophie wie in der Arbeit an der Verhältnisbestimmung zwischen Begriff und Erfahrung. Dabei sind historische Bezüge auf die dialektische Philosophie Hegels wie auf den amerikanischen Pragmatismus besonders wichtig. Derzeit arbeitet sie an einer Monographie mit dem Arbeitstitel: Feminismus als Unterscheidungskritik.
Der Vortrag fragt danach, wie in den letzten Jahrhunderten Gelehrte das Geschäft der Ideen- und Geistesgeschichte betrieben haben - auch längst vor dem Aufkommen des Terminus. Wie hat man ein Thema gefunden, wie sich zu ihm verhalten, wie hat man recherchiert, welche Art von Quellen benutzt, wie mit ihnen gearbeitet? Auf welche Ressourcen an Kompetenzen von Kollegen in Nah und Fern konnte man zurückgreifen, wie hat man die Grenzen der eigenen Disziplin überschritten? Der Vortrag setzt jeweils mit Selbstbeobachtungen an, um eine Sensibilität jenseits von vorschnellen Kategorisierungen zu erreichen, und stellt dann exemplarisch einzelne Fälle vom 16. bis zum 19. Jahrhundert vor.
Martin Mulsow ist Professor für Wissenskulturen der europäischen Neuzeit an der Universität Erfurt und Direktor des Forschungszentrums Gotha. Zuvor war er Professor für Geschichte an der Rutgers University, USA. Er ist Mitglied mehrerer Akademien und war Fellow des Institute for Advanced Study in Princeton und des Wissenschaftskollegs in Berlin. Von ihm erscheint im Herbst 2022 bei Suhrkamp Überreichweiten. Perspektiven einer globalen Ideengeschichte.
Philosophiegeschichten könnten sich auf Personen, Begriffe, Ideen, Probleme, Schulen oder auch Methoden beziehen. Obwohl Philosophie nicht eine einheitliche Methode besitzt wie etwa die Experimentalmethode der modernen Physik oder das Quellenstudium der Philologien, ist es möglich, zwischen sagenden, behauptenden Philosophien auf der einen Seite und zeigenden Philosophien auf der anderen im Anschluss an Wittgenstein zu unterscheiden. Der Vortrag stellt ein Projekt vor, das sich der Geschichte der zeigenden Philosophie zwischen den Jahren 1920 und 1970 widmet und Autoren wie Wittgenstein, Ryle, Dewey und Adorno behandelt. Diese zeigende Philosophie wird als eine Reaktion auf die öffentliche Wirkungslosigkeit der behauptenden Philosophie im frühen 20. Jahrhundert interpretiert.
Michael Hampe ist Professor für Philosophie an der ETH Zürich. Seine Schwerpunkte liegen in der Philosophiegeschichte der frühen Neuzeit (Spinoza, Hobbes, Hume), der Metaphysik und Metaphysikkritik des frühen 20. Jahrhunderts (Whitehead, Russell, Wittgenstein) sowie in der narrativen Philosophie und dem Verhältnis von Philosophie und Literatur (Platon, Montaigne, Kierkegaard).